Nachlese zur AsF-Veranstaltung „100 Jahre Frauenwahlrecht“

Die amerikanische Sufragette Alice Duer schrieb 1915:

„Männer sind zu emotional-man erlebe sie nur beim Baseball- um zu wählen. Außerdem macht sie ihre angeborene Tendenz zur Gewaltanwendung besonders ungeeignet für Regierungsaufgaben. Deshalb widerspreche ich dem Männerwahlrecht.“

Angesichts der Trumps, Putins und Erdogans dieser Welt, sollte man ihr Recht geben. Sie meinte es natürlich ironisch, mit dem Argument Frauen seien zu emotional und nicht fähig logisch zu denken, wurde ihnen das Wahlrecht lange verweigert.

Erst mit Gründung der Weimarer Republik wurde es für Frauen in Deutschland möglich zu wählen. Die Wegbereiterinnen sind nicht sehr bekannt. Wer hat im Geschichtsunterricht je von Anita Augspurg, Marie Juchacz oder Helene Langer gehört? Die Kämpferinnen für das Frauenwahlrecht stehen schlicht nicht auf dem Lehrplan.

Es brauchte einen verlorenen Weltkrieg, um den Frauen das Wahlrecht zuzugestehen, übrigens ohne große männliche Unterstützung. Die formale Gleichstellung von Mann und Frau einen weiteren. Erst 1949 setzte die „Mütter des Grundgesetzes“ Elisabeth Seibert, Frieda Nadig- beide Sozialdemokratinnen- Helene Weber und Helene Wessel durch, dass es im Artikel 3 des Grundgesetzes heißt. „Männer und Frauen sind gleichberechtigt.“

Seitdem ist viel passiert. Die berechtigte Teilhabe von Frauen in allen gesellschaftlichen Bereichen wird nicht mehr ernsthaft in Frage gestellt. Trotzdem ist der Frauenanteil, besonders in der Politik, steigerungsfähig. Zusammen mit Gabriele Gerber-Weichelt haben wir versucht herauszufinden warum das so ist und wie wir Frauen ermutigen können sich politisch zu engagieren.

 

 

Hier findet ihr Gedanken, die sich Gabriele zum Thema gemacht hat:

Problem Komfortzone
Frauen sind Artistinnen, die tagtäglich nicht nur einen Spagat zwischen verschiedenen Welten unserer Gesellschaft vollbringen. Diese Welten heißen Familie, Arbeit und soziales Leben. Arbeitswelt und soziales Leben laufen zeitweilig parallel, da viele soziale Kontakte über die berufliche Tätigkeit entstehen und gepflegt werden. Warum getrennte Welten? Das liegt in der historischen und gesellschaftlichen Entwicklung begründet und der Tatsache, dass Frauen ihre natürlichen Grundrechte erst erkämpfen mussten und heute
noch dafür streiten. Familie, Arbeit und soziales Leben sind in unserer Gesellschaft streng getrennte Räume. Obwohl in den letzten Jahren einige Türen eingebaut worden sind, die es den Frauen erleichtern sollen von einer Welt in die nächste zu wechseln, leiden viele Frauen unter Mehrfachbelastungen. Nur zu funktionieren in den drei Welten kann jedoch nicht die Lösung sein.
Gedankenspiele
Vielleicht haben sie das ja auch schon erlebt, dass Sie über Veränderungen nachgedacht haben. Wie möchte ich mein Leben gestalten? Welche Talente habe ich? Was wünsche ich mir vom Leben? Wie gehe ich mit den Erwartungen meines sozialen Umfeldes um? Fragen stehen am Beginn jeder Veränderung. Dinge in Frage stellen ist da so ein geflügeltes Wort, wobei es jedoch auch darauf ankommt aus dieser Situation heraus Lösungen zu entwickeln. Hier darf man nicht auf halbem Wege stehenbleiben, gleichwohl erfordert das manchmal eine Portion Mut, den eingeschlagenen Weg durchzuhalten. Zuerst ist es wichtig, Klarheit über die eigene Situation zu gewinnen und eigene Ziele zu definieren. Anschließend müssen Aktivitäten und Handlungen konsequent auf diese Ziele ausgerichtet werden. Konkrete Ziele zu haben ist dabei nicht negativ gemeint, denn wir lernen so umsichtig mit unseren Ressourcen umzugehen und dem Tag eine Struktur zu geben. Wer einmal die Erfahrung gemacht hat, gesteckte Ziele erreicht zu haben, wird an Selbstvertrauen gewinnen und das Gefühl bekommen, mit den Herausforderungen des Alltags besser fertig zu werden. Der Gewinn an Handlungskompetenz erhöht auch die Alltagskompetenz. Nicht nur sie profitieren davon, sondern auch ihre Familie und ganz besonders die Kinder, denn Kinder kopieren das Verhalten der Erwachsenen und somit erlernen sie Kompetenzen, die für ihre weitere Entwicklung extrem wichtig sind.
Status Quo
Ich treffe viele Frauen, die nach der harmlosen Frage: na, wie geht s“ nur antworten “ich bin über fünfzig“-muss ich da noch irgendwas sagen. Gesprächsthemen sind dann noch gesundheitliche Probleme und als Dauerbrenner die Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper insbesondere dem Gewicht. Am Jahresanfang überschlagen sich die Medien mit Angeboten für Diätprodukte und von Sportkursen. Zielgruppe sind hauptsächlich Frauen. Das hört sich so an, als ob Frau sich in ihr Schicksal ergibt, weil sie es vielleicht nicht anders gelernt hat, jedoch im stillen Kämmerlein wünscht sie sich doch was anderes. Ich habe immer Verantwortung für mich selber übernommen und bin stolz auf mein selbstbestimmtes Leben. Das so habe ich so von meiner Mutter übernommen, die allein mit drei Kindern froh sein konnte, einen Beruf zu haben und sich ihr Geld selber zu verdienen. Voraussetzung für eigene Entscheidungen ist die wirtschaftliche Unabhängigkeit der Frau fernab jeder Romantik, die ein treusorgender Ehemann bietet, der für die Familie sorgt. Im Alltag vieler Frauen ist von Romantik wenig zu spüren, wenn die harte Realität nämlich die Herrschaft des Geldes auch heute noch viele Lebenswege von Frauen bestimmt. Ein Lebensweg von einer Bevormundung in die nächste. Erst die Eltern, dann der Ehemann und im Alter meinen die Kinder zu wissen, was für die Mutter am besten ist.
Ursachenforschung
Wenn ich mir die Medien heute anschaue, habe ich das Gefühl, die Biedermeierzeit ist zurückgekehrt. Als Ideal wird Ehe, Familie und im Zentrum die Frau in vielen Dokusoaps verkauft. Es gibt nur extreme Verhältnisse, entweder die Karrierefrau oder die treusorgende Mutter, so dass ich den Eindruck habe, es hat sich in den letzten fünfzig Jahren gar nichts verändert. Wenn eine Frau Mutter wird, hört sie auf als Frau zu existieren. Sie ist dann den Rest ihres Lebens Mutter. Vielleicht ist das auch ein Grund, warum Frauen sich gegen Familie und Kinder entscheiden, um ihr Frausein nicht zu gefährden. Was macht aber eine Frau aus und was definiert Mutter. Beide haben eine Gebärmutter, somit ist die Ausgangsposition biologisch gleich. Was verändert sich für die Frau selber und wie ist die Wahrnehmung durch das soziale Umfeld durch die Schwangerschaft und Geburt. Nach meiner Erfahrung sind die Frauen im Familien-und Freundeskreis, die bestimmenden Einflussfaktoren, der Frau sich kaum entziehen kann. Die weiblichen Vorbilder sind prägend für die weitere Lebensplanung und selbst wenn in der Pubertät eine Abgrenzung vom Elternhaus das Normale ist, hat die frühkindliche Prägung schon ihr Werk getan. Frauen lernen schon früh, sich ständig zu hinterfragen, ihr Handeln im Hinblick auf gesellschaftliche Konformität zu überprüfen. Lob und Bestätigung erhalten Mädchen im Rahmen der Erfüllung ihrer gesellschaftlichen Bestimmung. Mädchen sind fleißig und angepasst, so dass sie in der Schule mittlerweile erfolgreicher sind als Jungen. Der große Bruch erfolgt erst nach der Berufsausbildung, wenn die Familienplanung ansteht und berufliche Weiterbildung hintenanstehen muss. Nun findet die Transformation statt von der Frau zur Mutter. Es scheint so, dass beide nicht gleichberechtigt nebeneinander existieren können. Zu krass sind die gegensätzlichen Erwartungshaltungen der Gesellschaft an die Rollenbilder. Eine selbstbewusste Frau, die wirtschaftlich auf eigenen Füssen steht wird als Nestbauerin nicht akzeptiert, weil ihr die Emotionen, die dafür nötig sind, nur als Mutter zugestanden werden. Eine Frau ist nicht liebevoll, umsorgend, fürsorglich. Diese Eigenschaften sind Kernkompetenzen einer Mutter. Das führt oft bei Frauen, die ja beides wollen, zu seelischen und körperlichen Extremzuständen. Paradoxerweise in unserer aufgeklärten Zeit, wo theoretisch den Menschen alle Wege offen stehen, wirken noch Mechanismen aus längst vergangener Zeit.
Der Weg ist das Ziel
Wie kann sich Frau daraus befreien. Der Wille zur Veränderung ist die Triebfeder, die Erkenntnis, dass eine Frau auch eine gute Mutter sein kann mit dem Ziel diese gegensätzlichen Rollenbilder aufzuheben und in ein neues zeitgemäßes Verständnis zu überführen. Das erfordert einen gesellschaftlichen Konsens, der Frauen nicht über ihre Gebärmutter definiert, sondern das Individuum mit allen seinen Facetten respektiert. Seit über hundert Jahren kämpfen Frauen für ihre Rechte. Da ist zuerst das aktive und passive Wahlrecht genannt, das Frauen selbst im Rahmen der Französischen Revolution nicht zugestanden wurde. Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit sollten die Welt verändern-für die Männer- Frauen waren da nicht gemeint. Selbst der berühmte Philosoph Jean-Jacques Rousseau war Verfechter eines Frauenbilds, das die Frau in die Küche verbannte und zur Untertanin ihres Ehemannes machte. Seit dieser Zeit sind viele Fortschritte erzielt worden, gleichwohl ist noch viel zu tun. Frauen sind gefordert, sich weiter an der Verbesserung ihrer Situation zu beteiligen und auch mal ihre Komfortzone zu verlassen. Aber nichts zu tun und das gilt, für alle Bereiche des Lebens ist halt einfacher. Lieber tut man nichts, denn Veränderungen, auch wenn es dann Verbesserungen sind, meiden viele Menschen wie der Teufel das Weihwasser. Alles soll bleiben wie es ist. Das Rad wäre wahrscheinlich niemals erfunden worden, wenn im Menschen nicht doch der Keim für Weiterentwicklung angelegt ist verbunden mit einer Portion Neugier. Dieser Keim steckt in jedem von uns. Bei einigen Menschen ist dieser Keim tief vergraben, weil man sich seiner nicht bewusst ist. Andere haben diesen Keim entdeckt, gehegt, aber durch Schicksalsschläge oder widrige Lebensumstände ist er dann verkümmert. Dabei ist es sehr lohnend diesen Keim auszugraben und wieder zu bewässern, denn dadurch schafft man sich neue Perspektiven und Möglichkeiten, die man vorher gar nicht in Betracht gezogen hat.